Meine beste Bikerstory

Meine Heldengeschichte

oder

1 Unfall und 5 Anzeigen an einem Tag

Jeder Biker hat im Laufe seiner Motorradkarriere viele Heldengeschichten in petto. Ob es Berichte von Touren in ferne Länder sind, Erlebnisse auf Bikertreffen mit anderen Bikern, illegale Rennen, Begegnungen mit Ordnungshütern, oder was auch immer. Diese Geschichten waren schon immer der Stoff, der das Biken so interessant gemacht hat. Entweder, weil man solche Geschichten selber erleben möchte, oder weil solche Geschichten nur unter Bikern erzählt werden.

Auch ich habe schon verdammt vieles mit dem Motorrad erlebt. Gutes wie schlechtes, amüsantes wie trauriges und auch Geschichten die man vielleicht lieber nicht erzählen sollte :). Aber die beste Geschichte von allen hängt mit diesem Zeitungsartikel zusammen, der mich seiner Zeit schon fast ein wenig berühmt gemacht hat:


Wo alles begann

Es ist Sommer im Jahre des Herrn 2002 ,irgendwann Mitte Juni an einem Montag morgen (genaues Datum unbekannt). Ich wache auf dem italienischen Bikerfest Udine neben meinem Moped unter freiem Himmel auf. Ich suche mit geschlossenen Augen nach meinen Kippen meiner Flasche Cola die ich am Vorabend neben meinem Schlafsack gelegt habe und versuche so langsam die Augen aufzubekommen. Nachdem meine Lungen mit Rauch und mein Rachen mit Koffein gefüllt sind, bekomme ich die Glubscher endlich auf und lasse die letzten drei Tage noch mal  Revue passieren. Ich denke mir Wow, was für geile drei Tage. Eine gute Tour nach Italien gefahren, dort meine Streetfighterkumpels getroffen, mit denen zusammen gut Party gefeiert, viele kuriose Leute kennengelernt, halbnackte Mädels in Bikinis haben mein Moped gewaschen und ich habe noch einen Riesenpokal inklusive einer Reise nach Daytona Beach kassiert für den schönsten Streetfighter auf diesem Treffen. Den hab ich abends zuvor auf der großen Bühne vor einigen tausend Zuschauern überreicht bekommen. Das italienische Motorradmagazin Bikers-Life hat mein Moped fotografiert und ich werde demnächst in deren Ausgabe mehrseitig erscheinen. Was kann es den für einen Biker den geileres geben fragte ich mich. Ich war gefühlte 2m über dem Boden :).

Ich packe meine sieben Sachen zusammen und machte mich so langsam auf dem Heimweg.

Der Unfall und die erste Anzeige

Es war an diesem Tag so richtig Scheiss heiß, unter meinen Lederklamotten lief der Schweiß nur so in die wasserdichten Cross-Stiefel, als ich so langsam über den Brenner nach Österreich kam. Auf der Brenner-Bundesstraße war damals eine Baustelle, die nur einspurig mit Ampelregelung zu befahren war. Ich war gerade hintern einem VW Passat Kombi mit deutschem Kennzeichen angehalten und wartete drauf bis die Ampel auf grün schaltet. Die Ampel wird grün der Passat fährt los und ich gleich hinterher als der Passat plötzlich in die Eisen steigt. Ich hab das leider zu spät erkannt und bretter dem Passat voll in der Kofferraumdeckel hinein. Das Heck von meinem Moped stellt sich auf, ich springe zu rechten Seite runter, mein Moped fällt auf die linke Seite und bleibt auf der Strasse liegen.

Ich springe auf und will den Passatfahrer freundlich fragen, was das den für eine Aktion sein sollte, als ich ein winseln unter meinem Moped höre. Das winseln kam von einem Fahrradfahrer der samt seinem Drahtesel unter meinem Moped begraben war. Ohne erst mal nachzudenken wie der dahin kommt, hab ich mein Moped aufgestellt und dem Typen aufgeholfen. Dann kam auch schon der Passatfahrer aus seinem Auto gesprungen und packte mit an.

Als die Situation sich beruhigte, stellte sich auch so langsam raus warum der Passat den Anker schmiss und plötzlich ein Fahrradfahrer unter meinem Moped lag. Der Passat fuhr bei grün los, durch die enge Baustelle, als im plötzlich dieser idiotische Fahrradfahrer entgegenkam, der zwar Rot hatte, was ihn aber nicht weiter interessierte.

Dieser W*chser musste natürlich noch recht wichtig ausholen, so das der Passatfahrer Schiss bekam und stoppte. Daraufhin knallte ich ins Heck, der Radfahrer zog an dem Passat vorbei und war genau da an dem Passat vorbeigezogen, als mein Moped nach links wegknickte und er bekam volle 200 kg japanisches Moped ab. Also Ursache und Schuldiger geklärt. Dann kam das normale Programm bei Unfällen. 1 Krankenwagen für den Fahrrad fahrenden Unfallverursacher und die Gendarmerie zur Aufnahme von dem Unfall. Der Passatfahrer und ich wurden in der Wache befragt und konnten nach 2 ½ Stunden wieder fahren.

Anmerkung: Obwohl der Fahrradfahrer der Unfallauslöser war, weil er das rote Ampelsignal missachtete, wurde mir damals vom Innsbrucker Amtsgericht eine Teilschuld zugesprochen. Ich wurde zu 2 Jahren auf Bewährung wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Gegen deutsche Motorradfahrer halten die Österreicher einfach zusammen. Übrigens eine Bewährungsstrafe in Österreich ist nicht wie in Deutschland. Da sind die Begriffe anders gewertet.

Die Weiterfahrt

Mein Moped hatte von dem Sturz ein paar Blessuren abbekommen. Der Lenker und der Kupplungsgriff waren verbogen. Die Lampenmaske war gerissen, der Scheinwerfer gebrochen und das Heck hatte einen Kratzer. Aber trotzdem war mein Moped noch fahrbereit und ich konnte mit einem dicken Hals weiterfahren.

Entgegen meiner Einstellung, Autobahnen zu vermeiden, hab ich wegen des Zeitverzugs, und weil der Tag eh schon im Eimer war, ab Innsbruck die Autobahn genommen.

Die Begegnung mit der Oberbayrischen Polizei

Es lief ganz gut, bis ich dann ich Deutschland war. Kurz vorm Irschenberg musste ich auf Reserve schalten und ich hatte Durst, der Nikotinpegel war unten und die Blase schrie auch nach Entleerung. Also raus zur Autobahnraststätte Irschenberg und alles wieder in Ordnung bringen :).

Nach dem Tanken schob ich mein Moped zu einem Grünstreifen und machte ne kleine Pause. Auf einmal sah ich eine dunkelblaue Audi A6 Limosine heranfahren. Drinnen saß ein Pärchen das im Partnerlook gekleidet war mit senfgelben Hemden und ovalen Patches mit bayrischem Rautenmuster auf den Ärmeln. Der Trachtenverein in einer zivilen Dose. Wie es natürlich sein soll haben die mich sofort erspäht und steuern direkt auf mich zu. Aus dem A6 steigt eine pummelige Blondine mit Pferdeschwanz aus und Ihr Kollege der schon auf den ersten Blick vermuten lässt das mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Aber man soll sich ja nicht auf den ersten Eindruck verlassen vielleicht sind es ja ganz nette Polizeibeamte.

Die beiden steuerten auf mich zu und fragten nach, ob das mein Motorrad sei. Ich bejahte dies und dann ging der ganze Zirkus los.

Führerschein und Fahrzeugpapiere wurden übergeben. Es wurde bemerkt das der TÜV seit Monaten abgelaufen ist, worauf ich mich ausredete das ich noch keine Zeit dafür hatte, weil ich Sie erste eine Woche zuvor fertig gestellt hatte und unbedingt auf das Biker-Fest nach Italien musste. Den TÜV hätte ich jetzt dann in Angriff genommen. Diese Aussage wurde emotionslos aufgenommen. Dann kamen die Fragen nach den diversen Umbauten ob die eingetragen seien als da wären.

Auspuff im Heck verlegt, die gezackte Aluplatte als Sitzfläche, die Einarmschwinge, die offenen Keihin-Flachschiebervergaser, der wohl nicht originale Motor, das ganze polierte/verchromte Zeug usw. usw. Spätestens da hab ich dann gemerkt, dass die beiden doch keine netten Polizisten sind und hab es mir dann auch gespart besonders freundlich zu sein. Dann wurde auch meine Klamotten begutachtet und mein originaler Aufnäher der bayrischen Polizei auf meiner Kutte bemerkt. Den gleichen Aufnäher, den die beiden auf Ihren Hemden aufgenäht hatten.


Und dann kam das beste Gespräch raus das ich je mit einem Polizisten führen durfte.

Polizist:  Sind Sie ein Kollege von uns? 
Ich:  Nö, wie kommen Sie den darauf?
Polizist:  Weil Sie das Abzeichen der bayrischen Polizei auf Ihrer Jacke tragen.
Ich: Wissen Sie, Herr Wachtmeister, wir Biker haben da eine Angewohnheit: Clubs die wir zu schätzen wissen und für gut heißen, von diesen Clubs nähen wir uns die Patches auf die Kutten, um damit unseren Respekt zu erweisen.
Polizist: Sprachlos, schockiert von der Aussage
Ich: (Im inneren vor Jubel schreiend über den Gesichtsaudruck :))

Gut, für einen weiteren, angenehmen Kontrollablauf war dieser Satz zwar eher kontraproduktiv aber das sprachlose Gesicht von diesem Waldmeister war unbezahlbar.

Also weiter, nachdem die beiden Polizisten Ihren Notizblock vollgeschrieben und immer noch keine Ende fanden, luden Sie mich mit meinem Moped ein, Ihnen doch auf die Wache der Autobahnpolizei Holzkirchen zu folgen, da könnten Sie dann weitermachen. Sie fuhren voraus und ich Ihnen hinterher. Auf der Wache angekommen gab es auch gleich ein großes Empfangskomitee. Alle Polizisten dieser Wache hatten sich im Hof versammelt und warteten darauf was Ihre Kollegen den da für ein Motorrad auf der Autobahn aufgegriffen hatten. Sie sahen schon recht verwundert aus, als ich in den Hof reinrollte, denn so was hatten Sie anscheinend noch nicht gesehen. Ich wurde dann gleich höflich ins Gebäude geleitet, während die Kollegen draußen um mein Moped rum standen. Auch da konnte ich mir einen dummen Spruch wieder nicht verkneifen, der war:

„Nicht mit den Fingern gucken die Herren!“

Im Gebäude eröffnete mir dann der Polizist freudestrahlend, dass eine Weiterfahrt mit diesem Motorrad ausgeschlossen sei. Er habe jetzt einen Gutachter beauftragt, der auch gleich kommen wolle um eine Geräuschmessung vorzunehmen und um zu begutachten, in wie weit das Motorrad mit all seinen kuriosen Anbauten überhaupt verkehrssicher sei. Ich war jetzt mal nicht recht beeindruckt, weil ich mir schon dachte, dass ich meine Fahrt für heute hier beendet hatte.

Aber dem nicht genug spielte der nette Herr Wachtmeister alle Karten aus, die Ihm zur Verfügung standen, um mich so richtig durch die Mangel zu drehen. Vielleicht auch deswegen, weil er den Spruch an der Tanke noch nicht verdaut hatte.

Da in Oberbayern damals die vorherrschende Meinung war, alles was keine BMW als Motorrad fährt, ist automatisch ein Rocker, haben Sie mich komplett erkennungsdienstlich aufgenommen. Porträtfotos von allen Seiten und sogar von meinem Hintern, weil da ein Tattoo ist. Fingerabdrücke natürlich auch, Rucksackdurchsuchung, Klamotten ausziehen, DNA-Probe aus meinem Mund. Das volle Programm eben. Nur meine Körperöffnungen wurden nicht durchsucht. Lag vielleicht daran, dass ich seit fast einer Woche keine Dusche mehr von innen gesehen hatte ;).

Sie waren dann schon etwas enttäuscht, dass es sonst nichts mehr zu finden gab. Keine Waffen, keine Drogen, kein Alkohol, kein Sprengstoff oder sonstiges. Sie wollten einfach nicht glauben, dass ich einfach nur jemand bin, der auf extreme Motorräder steht, aber sonst einem geregelten Lebensablauf nachgeht. Der einen vernünftigen Job und sonst keinerlei Dreck am Stecken hat.

Die 4 weiteren Anzeigen

Weil Ihnen meine weiße Weste wohl nicht gefiel dachten sie sich, das müssten sie ändern, und eröffneten mir dann gleich 4 Anzeigen, die mich dann selber beeindruckten, weil es gleich so viele auf einmal waren:

1. Anzeige        Fahren ohne Betriebserlaubnis (wegen Auspuff usw.)
2. Anzeige        Kennzeichenmißbrauch (wegen dem Winkel der Anbringung)
3. Anzeige        Amtsanmaßung (wegen Polizeiabzeichen auf der Kutte)
4. Anzeige        Verstoß gegen Waffengesetz (Schlagring als Kettenschutz)

Zur letzten Anzeige sei erwähnt, dass ich den Schlagring in Tschechien auf einem Fidschimarkt gekauft hatte und wirklich nicht wusste, dass das Teil in Deutschland verboten ist. Für mich war das einfach nur ein dekoratives Teil, das ich mit 2 Schrauben an der Schwinge angeschraubt hatte, als Kettenschutz. Für die Unwissenden: Der Schlagring ist das Symbol der Streetfighterszene.

Ich saß mittlerweile draußen auf dem Polizeihof, wartete auf meine damalige Freundin, rauchte ein paar Kippen und beobachtete die Polizisten, die abwechselnd um mein Moped rumschlichen, als plötzlich ein schwarzer 911er Porsche um die Ecke bog. Der Gutachter war da. Er stellte sich mir kurz vor und machte einen auf „gut Freund“. Er fragte mich was er den alles übersehen sollte, um mir ein günstiges Gutachten zu erstellen. Ein wenig misstrauisch meinte ich nur, er solle sich mein Moped anschauen, und schreiben was er meint, denn mir war es mittlerweile wurscht, was er findet oder nicht. Der Gutachter war sichtlich erstaunt von meinem Moped. So viel Arbeit in einem Motorrad hätte er nicht oft gesehen und meinte zu mir, ich solle mir keinen Kopf machen, das mache er schon das es passt. Wie auch immer er das meinte.

Mittlerweile traf auch meine Freundin ein und holte mich endlich ab. Das Moped blieb beim Trachtenverein und dieser Scheiss Tag hatte endlich ein Ende.

Eine Woche später durfte ich mein Moped mit einem Transporter von einem Kumpel wieder holen. Das Moped war mittlerweile begutachtet und auf Service der Polizei hin auch abgemeldet worden.

Nur 2 Wochen später hatte ich das Kunststück hinbekommen alles eintragen zu lassen was, bemängelt wurde. Sogar die Auspuffanlage und die Einarmschwinge von Triumph.

Das Ende vom Lied war: Ich musste die Kosten für den Gutachter übernehmen, eine Strafe wegen Fahren ohne Betriebserlaubnis (lauter Auspuff) bezahlen und bekam drei Bonuspunkte in Flensburg. Insgesamt kam der Spaß auf 650,-- €uro, was damals wie heute ein Schweinegeld war. Die drei weiteren Anzeigen wurden von der Münchner Staatsanwaltschaft wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Aber jetzt kommt der Punkt wo es sich dann doch noch zum positiven gewendet hat: Eine Woche später kam der Bericht in die Münchener TZ wovon ich nichts wusste. Der Bericht kam dann in diverse Internetforen und breitete sich aus wie ein Lauffeuer. Plötzlich bekam ich eine Flut von E-Mails von Leuten, die mich kennenlernen und wissen wollten, wie es dazu kam. Ich konnte die nächsten 2 Jahre auf Streetfighter- und Bikertreffen fahren wohin ich wollte und wurde immer sofort erkannt. Ich war sozusagen auf einmal bekannt wie ein bunter Hund.

„Der Märtyrer aller Umbautenfahrer“

Sogar noch heute. Eine Ewigkeit später kommt noch die ein oder andere E-Mail oder in irgendeinem Forum wird das Thema wieder neu aufgerollt.

Alles in allem war das zwar ein richtiger Scheiss-Tag, aber im nachhinein betrachtet konnte mir nichts besseres passieren, um mein Moped und mich zu einer kleinen Berühmtheit zu machen.

Danke Dir Herr Polizeioberwachtmeister! Dir hat es bestimmt einen Stern auf Deiner Schulter eingebracht und mich hat es berühmt gemacht ;).